Auswanderer nach Amerika

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New York 15 ten August 1852

Brief an die Heimat Elleringhausen von (G. Fr. Bartmann)

Aus dem Altdeutschen ins „Neu-Leserliche“ transferiert von KH Göbel. Alle (nach heutiger Sicht) Rechtschreib- und Grammatikfehler aus dem Brief sind exakt so im neuen Text enthalten, wie seinerzeit in 1852 vom Verfasser geschrieben. Der Leserlichkeit zugunsten wurden Absätze (Absatz …) integriert, die sich im eigentlichen Brief aber nicht befinden.

G.Fr.Bartmann ist am 3o. 03 1852 in Bremen aus Elleringhausen angekommen und hat am 15. 08 1852 in New York diesen Brief geschrieben

Theuerst geliebter Bruder und Sämtliche Angehörigen!

Ihr werdet es mir nicht Übel nehmen, dass ich Euch so lange auf Antwort warten ließ, die Gelegenheit zu schreiben wollte es mir nicht eher erlauben, Euch liebe Angehörigen meine Reise nebst Ankunft und Aufenthalt zu benachrichtigen, weil ich in der ersten Zeit keine Gedanken mich länger hier in New York aufzuhalten hatte, wo ich erst dann schreiben wollte wo ich weiter hinkam, weil aber dieses nicht so eilig geht, so fühle ich mich genötigt, von hier aus zu schreiben,

…ich hoffe mit Gott, dass Euch mein Schreiben so gesund und Wohlgemuths antreffen wird, wie es Gott sei (Dank) von mir ausgeht, und welches auch der Fall auf meiner Reise gewesen ist, wovon ich Euch auch einiges mitteilen werde, von meiner Seereise, das wir am 3o. ten März in Bremen angekommen werdet Ihr vor längerer Zeit schon in dem Brief erfahren haben welchen ich durch den Fuhrmann Ihnen geschrieben habe, wo nicht so bitte ich, mir darüber zu benachrichtigen,

…in Bremen mussten (ich) wir 2 ”1/2 Tag auf unsere Kosten bleiben, 1 1/2 Tag auf dem Schiff nach dem Hafen desgl. auf unsere Kost, 16 Tage mussten wir im Hafen im Passagierhause verweile; und 4 Tage lagen wir schon auf dem bevor dasselbe mit uns abfuhr, an 22, April fuhren wir unter Gottes Schutzaus dem Hafen wo unser Schiff etwa 4 Meilenweit durchs Dampfboot gezogen wo alsdann halt gemacht, und alles genau nachgesucht, wo Sich den auch 2 Mann auf unser Schiff begeben hatten, um auf die Art mitzukommen, dieselben wurden sobald Sie kein Schiffschein hatten, vom Schiff hinabgelassen und in einem kleinen Schif: lein mit retour genommen, was weiter damit geworden will ich nicht Verraten, weil es keiner von uns erfahren hat,

…wir hatten ein sehr großes und gutes Schiff mit Namen Emigrant aus London in der große 178 Fuß lang ohne die fordere Segel Ruthe 38 Fuß breit und 4o hoch, mit 3oo Passagier und 3o Schiffleute zusammen 330, Am 2 ten Morgen fuhren wir in die Nordsee wir fuhren die ersten Tage sehr gut so dass wir den 6 ten Tag schon neben 3 Schiffen vorbei fuhren, welche 3 Tage früher waren abgefahren wie wir, wo wir auch denselben Tag schon England und die Inseln Schottland und Irland vorbeifuhren am 2 ten Tag verschwand auch das Land und Gebirge wieder vor unseren Augen und so fuhren wir in Gottes Namen ohne etwas außer dem Himmel und Wasser zu sehen sogar in 27 Tagen noch nicht ein Schiff, allein das war noch nicht schlimm, aber am 8 ten May abends etwa gegen 1o Uhr erhob sich ein heftiger Windsturm, da wurden wir erst recht gewahr das wir auf der See fuhren und das die Hülfe Gottes nötig war,

…alle Kisten wo man oben im Zwischendeck stehen hatte, waren zwar alle vorher fest gebunden so wie auch alle anderen Geräte, aber leider wie das Schiff von einer Seite zur andern schwankte, die Wasserwellen gegen das Schiff schlugen, das krachte, als würde alles durchbrechen, die angebundenen Kisten waren alsbald. losgerissen, und. sonstigen Geräte samt den Menschen durcheinander polterten, dass es -traurig anzusehen oder zu hören war wie die Frauenzimmer mitunter jammerten, als wäre alles verloren, man konnte weder liegen noch sitzen oder stehen, ohne sich festzuhalten, wenn man im Bett liegen wollte, und das Schiff legte sich auf eine Seite, so dass man beinahe bettliegend aufrecht stand, ein anderer Augenblick legte sich das Schiff auf die andere Seite so stand man beinahe auf dem Kopf, eine Küche wurde durch die Wellen zusammen gerissen so wie ein Stück vom mittleren Mastbaum brach und fiel über Bord so dass es uns an der letzten Zeit gleichgültig war, ob wir lebten, denn man wusste zuletzt auch nicht mehr wo einem der Kopf stand, weil man die ganze Zeit nicht eine Stunde zu schlafen bemächtigt war,

…auch mit dem Essen war es die Zeit schlecht bestellt, seilten konnte gekocht sein, und wenn auch duz­ alle möglichen Umstände mitunter gekocht wurde und man glaubte es Essen zu wollen, Ehe man es Acht hatte, so lag man mitsamt dem Essen zwischen den Kisten, man glaubte mitunter die Menschen brechen Arm und Bein, wo aber Gottes Vorsehung mit dabei war so dass doch mehrere nur mit kleinen Hautverwunden oder Nasenbluten davonkam, wo wir uns nach geendigtem Sturm auch sehr über gewundert und Gott gedankt haben, der Sturm dauerte leider „15 Tage, zwar 2 Tage dazwischen war ddr Sturm gelinder, das Meer aber blieb unruhig, so dass die Wellen mitunter wie Garnichts übers Schiff sausten, welches doch etwa 22 Fuß hoch auf dem Wasser geht

Wir wurden in den -15 Tagen nach dem Kapitän. seiner Aussage auf 9 Tagereise nach dem  Eisgebirge verschlagen, wo wir auch nach geendigtem Sturm neben einem Eisberg vorbei  fuhren welchen man durchs Fernrohr sehr natürlich sehen konnte, welcher so weiß wie Schnee war, wir haben auch grausame Kälte ausgestanden bis die letzte Woche wie wir Amerika nahe kamen, und so fuhren wir vom Hafen aus bis New York 61 Tage, am 62 ten Tag, nämlich 22 ten Juni fuhren wir durch ein Dampfschiff in den Hafen, wo wir wieder auf festen Boden standen«.

Die Kost auf unserem Schiff außer dem Windsturm war Genügend und regulär, Täglich hatten wir Fleisch, einen Tag Ochsen den folgenden Schweinefleisch Wöchentlich hatten wir einmal Erbsen, einmal Graupen, einmal Sauerkraut einmal Gerste, 2 mal Reis, aber immer steif gekocht, des Sonntags hatten wir Mehlspeise, Pudding genannt, mit Fleisch und Schalen Kartoffeln, Morgens Kaffee, abends gekochtes Wasser u. Tee, wer keinen Tee heben wollt konnte sich Brotsuppe machen, Wöchentlich erhielten wir einmal Weißbrot u. 2 mal Schwarzbrot, letzteres konnte man ohne vorher in Seewasser eingeweicht zu haben, gam nicht benutzen, weil es so hart wie ein Stein war Butter bekamen wir auch auf die ganze Woche damit ging es aber etwas Ratsam mit her, alle „14 Tage etwa 3/4 Schoppen Essig unters Trinkwasser zu vermischen, weil das Wasser je länger schlechter wurde, und den letzten Tag hatten wir gar kein Süßwasser mehr, wenn wir noch länger hätt Fahren müssen so hätten wir mit Seewasser müssen vorliebnehmen,

…ich will jedem raten wo möglich mehreres Zuge Brod mitzunehmen, denn das hat man nie zu viel , besonders im Windsturm hat man es am nötigsten, das Brod welches ich Zuhause mitnam, ist mit wegen meinem langen Aufenthalt im Bremer Hafen über die Hälfte verdorben, das ich über Bord werfen musste, weil es auch noch frisch gebacken nochmals gleich geröstet war, wenn jemand diese Reise vornimmt, der nehme ungesalzen Brod, lasse dasselbe zuvor einige Tage austrocknen, und alsdann nochmals rösten, oder wer es zuhause doch kaufen muss, kann sich solches auch im Bremer Hafen noch besser kaufen, überhaupt im Hafen, dort kann man alles besser oder billiger kaufen wie in Bremen,

…odeis mann thut besser und nimmt sich doch einige Maaß reinen Kornschnaps mit von zu Hause oder guten bitter Schnaps, letzterer doch nicht so gut wie Kornschnaps, ich hatte mir ein klein Fässchen von einige Maaß Korn aus Bremen mit, aber wie xvir erst au der See waren, da Widerstand, er mit so sehr, das ich wenig davon getrunken, sondern den Matrosen Spendiert, und nach geendigter Seereise dankten wir Gott vor die glückliche Überfahrt, und so lief alle auseinander, wie wir von allen Seiten zusammengekommen waren, und da erfuhr ich wieder, dass ich allein war, vor und auf dem Schiff waren zwar mehrere mein Freund, so dass mir dieselben versicherten, wenn wir nach New York kämen, so könnte ich mit nach deren Angehörigen gehen, so würde mir sowohl vzie Ihnen geholfen, aber leider, wie wir vom Schiff gingen, waren alle guten Freunde verschwunden, und ich stand allein unter ganz Fremden Leuten, ich besann mich kurz, ließ meine Kiste in ein Deutsches Wirtshaus fahren, wo ich 2 Schilling nach deutschen Geld Iogie vorzahlen musste, ich hatte auch nach hiesigem Gelde blos noch 11 Schilling nach dortigem Geld 1 Talo 25 Syl, da konnte ich keine großen Sprünge mit in Amerika machen, ich ließ mir in demselben Wirtshause wieder‘ um erste mal auf festem Boden ein Glas Bier geben, nach Eurem Maaß etwa 1 Schoppe: davor musste ich 6 Cent zahlen das kostets auch hier fast allenthalben, nach dortigem Gelde 2Tal/2 Syl, vor eine Mahlzeit 5o Zent oder 12 1/2 Syl. ferner vor Nachtessen Schlafen und Morgens Kaffee oder hier nennt mang Frühstück 5 Schilling oder 25 Syl da wurde ich erst gewahr das ich in Amerika war, mancher schreibt zu Haus, so viel er verdient aber von Ausgaben sagt man nichts, den durch die vielen Einwanderer wird Wohnung und Lebensmittel immer teurer, und Verdienst immer schlechter, ich wunderte mich auch nicht wenig wie man mir 3 1/2 Taler vor Kost und Logi wöchentlich abverlangte, ich muss aber bemerken, das auch hier Mann und £ Frau die Woche damit auskommt, was ein ledigloser Person zahlen muss, den das ist monatlich 14 Taler nach dortigem Gelde 18 rt 2o Syl, wenn man in Kleinigkeiten hier etwas kauft,

…so kauft man vor ein Zent eben so viel wie 5 Pfennig ist kann man so viel vor bekommen wie bei Euch, für ein Syl. Ebenso kann man hier mit einem Taler oder mit 5 hiesigen Taler nicht mehr anfangen wie zu Haus vor 1 rt 1o Syl, wenn man monatlich 2o Taler verdient, wenn der Monat um ist, hat man 6 Taler, nicht mehr wie in Deutschland, ihr habt mir die Wahrheit zu schreiben abverlangt, dies könnt Ihr bei Gottes. Zeugnis für sicher glauben, denn es geht mancher hierher, und möchte gern wieder nach Deutschland, entweder er kann nicht soweit kommen oder sein Gefühl lässts Ihm nicht zu, und schreibt doch gut zu Haus, so wie ich auch schon mehr vor mich gesprochen, Sie mögen solches nicht zu Haus schreiben, sonst würde man Ihn für einen Taugenichts oder Faulenzer erklären, es geht auch mancher Familien Vater hier herum, bietet sich vor ein billiges an, um zu arbeiten, um die Seinigen bekömmlich zu ernähren muss er schon billiger arbeiten, den die Ein­wanderung ist hier zu enorm, wie wir im Bremer Hafen lagen, während der Zeit fuhren von dort 25 Schiffe ab, wo unseres dass 26 te war, da glaubte man das sey sehr viel, aber wie wir hierherkamen, da waren 17 Schiffe in 2 Tagen hier mit Passagieren allein hier angekommen.,

…und viele davon bleiben hier besonders wegen Mangel an Geld, da lässt sich wohl denken, wie es hier ist, wenn ich bei der Wahrheit bleiben will so kann ich nicht besser schreiben, wenn ich aber weiter Reisen werde und treffe es besser, so will ich auch besser schreiben, unter den vielen sind freilich auch viele, wo das Glück trifft auf die längere Zeit gute Fortschritte machen, man kann aber doch im Durchschnitt sagen es ist hier gut gewesen, noch vor 2 Jahren ist hier noch doppelt so viel vor die Arbeit bezahlt wie zu jetziger Zeit, aber seit 1849 sind beinahe aus Europa 15ooo Juden hier eingewandert, dieselben verderben hier die Verdienste noch recht, die mehrsten davon sind aus Polen, aus Posen und Ostpreußen deshalb kann hier keiner mehr was machen, als wenn er recht wohl bekannt ist oder gute Angehörige hier hat, wo Ihm die erste Zeit helfen, der das nicht hat, muss sich selbst helfen so gut er kann, den früher konnte einer wer hierher kam in den Laden gehen, um Arbeit beten, so wurde nicht nach Zutrauen oder Kredit gefragt, aber jetzt ist solches alles verschwunden weil schon viele Arbeit angenommen haben und damit durchgegangen,

…ich könnte Euch noch solcher Sachen mehre mittheilen so wie mir ist erzähl worden aber das Papier lernt mich schließen, Ihr werdet mir vieles schreiben entschuldigen, weil ich Euch gerne alles deutlich nach meiner Erfahrung wollte mittheilen, welches ich von Euch desgleichen erwarte übrige Neuigkeiten hört man hier täglich viele, doch eins muss ich Euch noch erzählen das vor etwa 1o Tagen hier ein Dampfschiff von Albani hier ankommend in den Brand gekommen, das Land nicht erreichend, mit bei 4oo Passagieren durch die Flamme auf dem Wasser verzehrt, und ein anders, wo die Dampf- Maschine Fehler gekriegt, einige verbrannt, viele ins Wasser gesprungen wo jedoch die mehrsten gerettet sind,

…hiermit will ich schließen mit vieltausend herzlichen Grüßen an alle guten Freunde, Verwandte und sämtliche Angehörigen, vor allem bitte ich Dich, lieber Bruder, meine liebe Schwester in Remscheid diesen Brief zu benachrichtigen, so wie Lüttecken in Berndorf und mein Bernhard Vetter in Giebringhausen werden alle herzlich von mir gegrüßt so wie deine Angehörigen lieber Bruder und in Adorf unsere Angehörigen nebst allen bekannten Freunden werden gelle herzlich von mir nochmals gegrüßt, so lebt denn wohl bis zum Wiedersehn, und lasst Euch dieses lesen nicht verdreisten so wie auch mich das Schreiben nicht verdross, hiermit verbleibe ich dein lieber Bruder.

G. Fr. Bartmann

Bis in den Todt lebet wohl.
G. Fr. Bartmann

Ist am 3o. 03 1852 in Bremen aus Elleringhausen angekommen und hat am 15. 08 1852 in New York diesen Brief geschrieben

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